Marathon barfuß laufen? Unter 3 Stunden? – der Rennbericht zum Versuch

April 2008: Ich stehe am Start meines ersten Marathons in Hamburg. Ich habe mich recht unüberlegt angemeldet, bin dafür aber unzureichend vorbereitet und habe mir als Ausgleich aber das große Ziel gesteckt unter 3 Stunden zu laufen. Diese Zeitschwelle stellt eine Art Ritterschlag für Läufer dar und bleibt für die meisten unerreichbar. In meinem damals 25-jährigen Leichtsinn habe ich kaum einen Fehler des Marathonlaufens ausgelassen und wurde am Ende mit einem bitterbösen Einbruch bestraft. Der Hammermann hat mich wirklich böse erwischt. Meine Zielzeit war dafür mit 3:16:41h trotzdem mehr als respektabel. Im Ziel habe ich mir versprochen, diese Quälerei künftig zu unterlassen. Nach einer Stunde stellte ich fest, dass ich überlebt habe und eine tolle Leistung vollbracht habe. Ich bin 42,195km gelaufen, und das auch relativ schnell. Und so beschloss ich kurzerhand mich dem Ziel zuzuwenden die 3 Stunden zu unterbieten. Ich war gefangen. Die Zeitenjagd begann. Das Ziel bestand zunächst also darin meine Wettkämpfe in noch schnelleren Zeiten zu bestreiten und meine körperliche Leistungsfähigkeit nach oben zu verschieben. Der Vergleich mit anderen Läufern war mir relativ egal. Vielmehr bestand mein Antrieb darin immer schneller zu werden. Mit diesem Ziel im Kopf und dem entsprechenden Training im Körper erlief ich 2012 in meinem Bestzeitenjahr 33:55 Minuten über 10km, 1:13:13 h über den Halbmarathon und 2:39:13 h über die Marathondistanz. Mit dem Fokus meine Leistungen weiter zu steigern trainierte ich bis 2015 weiter und gab dem Training den entsprechenden Stellenwert. Seit dem Frühjahr 2015 reduzierte sich dann meine für Sport verfügbare Zeit. Ich bin selbst Trainer und so war mir natürlich sofort bewusst, dass die Bestzeitenjagd damit vorerst auf Eis liegt. Aber – kein Problem. Da ich mich seit 2011 intensiv mit dem großen Thema Gesundheit auseinandersetze, verschob sich mein sportlicher Fokus auf dieses Gebiet. Leistungssport und Gesundheit schließen sich nicht grundsätzlich aus. Allerdings trainiere ich seitdem entspannter und habe meine Zielstellungen reduziert.

Der gesundheitlichen Ausrichtung geschuldet, befasste ich mich seit etwa 2013 zunächst mit Natural Running, später mit Barfußschuhen und letztendlich mit barfußlaufen. Und so traf ich im Sommer 2018 folgerichtig die Entscheidung einen Marathon barfuß zu laufen. Nun war ich sofort überzeugt einen Marathon auch tatsächlich barfuß durchlaufen zu können, sofern ich das Tempo vernachlässige. Und hier liegt die eigentliche Herausforderung. Meine Motivation liegt nicht darin „nur“ ins Ziel zu kommen. Das habe ich bereits oft genug unter Beweis gestellt. Ich möchte mich überzeugen, wozu mein Körper in der Lage ist. Und so liegt meine Motivation darin eine für meine Voraussetzungen enorme Leistung zu erbringen.

Mit Peter (Peter Buchmann, www.laufenundfitness.de) treffe ich mich seit einigen Jahren regelmäßig. Wir beschäftigen uns mit den gleichen Themengebieten und haben ähnliche Überzeugung. Seine alternative Marathonvorbereitung kannte ich also auch schon seit einigen Jahren. Meine letzte ernsthafte Marathonvorbereitung 2015 ähnelte in einigen Punkten Peters aMV. Ich trainierte damals mit deutlich weniger Umfängen und deutlich höherer Intensität.

Peter und ich waren uns sofort einig, dass er die Planung meiner Wettkampfvorbereitung auf meinen Barfußmarathon übernimmt. Zur Schilderung der Marathonvorbereitung wird noch ein weiterer Artikel folgen.

Der Renntag. 07.04.2019, Hannover, 08:59:XX Uhr – ich stehe im Startblock A. Bin extrem fokussiert. Ich trete an, um dieses Rennen unter 2 Stunden und 50 Minuten zu beenden. In den letzten Tagen war ich sehr angespannt und habe an mir gezweifelt. Schließlich habe ich alle mentalen Zweifel ausgeräumt und für mich festgelegt unter 2:50h das Ziel zu erreichen. Bezüglich meiner Laufgeschwindigkeit lasse ich mir jetzt ebenfalls keine Zweifel. In den Wochen vor dem Marathon überlegte ich hin und her, ob es sinnvoller sei eher langsamer zu beginnen und mich dann zu steigern. Um mir meine eigene Stärke zu verinnerlichen, habe ich aber in den letzten Tagen festgelegt mit einer konstanten Geschwindigkeit um die 4 Minuten pro Kilometer zu laufen (Pace 4:00min). Längere GA2 Intervalle bin ich im Training problemlos um die 3:50min gelaufen (mit Barfußschuhen), insofern bin ich überzeugt die Geschwindigkeit halten zu können.

Wie nicht anders zu erwarten, bin ich weit und breit der einzige Läufer ohne Schuhe. Vieleicht laufen noch weiter hinten andere Barfußläufer, hier vorn bin ich jedenfalls der einzige. Der Startschuss fällt, wir setzen uns langsam in Bewegung. Beim Überschreiten der Startmatte betätige ich meine Uhr. Ich laufe im Pulk los. Meine Bewegungen fühlen sich leichtfüßig und locker an. Muskulär gesehen könnte ich deutlich schneller laufen. Ich weiß aber das die begrenzenden Faktoren meiner Rennleistung am Ende nicht die Leistungsfähigkeit von Muskulatur, Herz-Kreislaufsystem, Atmung, und Energiespeicher sein werden, sondern die Haut unter meinen Füßen. Ich weiß, dass sich mein Renntempo im Grenzbereich zwischen unbeschädigter Haut und extremen Blasen und abgerissener Haut liegt.

Meine Uhr ist GPS gesteuert. Regelmäßig sehe ich auf das Display, um meine Pace zu kontrollieren. Ich pendele zwischen 3:55min/km und 4:05min/km (laut Uhr). Im Vorfeld habe ich mir eine offensive Renntaktik überlegt. Ich beginne nicht langsamer, um zunächst die Haut zu schonen, sondern peile 4:00min/km an. Mit dieser Pace liege ich im Ziel bei etwa 2:49h.

Von Beginn an spüre ich die unterschiedlichen Bodenstrukturen. Asphalt ist nicht gleich Asphalt. Sehr glatter Asphalt fühlt sich angenehm an. Grobe Asphaltstrukturen sind sehr unangenehm. Die Hautschichten drücken in die Vertiefungen und werden bei jedem Schritt gequetscht (eine Ursache für Blasen). Da die Distanz von 42km kein Pappenstiel ist muss ich die Haut trotz des hohen Tempos unbedingt schonen. Hierfür habe ich genau zwei Möglichkeiten. Erstens suche ich permanent nach den angenehmsten Bodenstrukturen. Der Untergrund muss dafür möglichst glatt sein. Weiße Begrenzungsstreifen, Asphaltnähte und glatter Asphalt sind am besten geeignet. Später laufe ich ein kurzes Stück laufe auf dem Grünstreifen neben der Straße. Leider mangelt es in der Stadt an entsprechenden Grünstreifen.

Die zweite Möglichkeit zum Schonen der Haut besteht in der Anpassung des Bewegungsablaufes. Mit Schuhen lief ich sehr ökonomisch: Fußaufsatz unter dem Körper, Zug mit dem Unterschenkel Richtung Gesäß, aktiver und druckvoller Fußaufsatz von oben auf den Boden. Dieser Bewegungsablauf ist fest in meinem Körper gespeichert. Er garantiert hohe Geschwindigkeiten bei geringem Energieverbrauch über längere Distanzen. Beim Barfußlaufen ist dieser Bewegungsablauf Gift. Durch die Zugbewegung mit dem Fuß nach hinten entsteht viel Reibung unter dem Körper. Die Hautschichten werden förmlich zerrissen, Blasen und abgerissene Haut sind unvermeidbar. Entscheidend ist also große Reibung zu verhindern. Und so laufe ich nun. Wenig Reibung mit dem Fuß erzeugend und außerdem nach den besten Bodenstrukturen suchend. 42km Kopfarbeit – als wäre die Distanz nicht sowieso schon belastend genug.

Immer wieder kontrolliere ich meine Pace. Die ersten Kilometer fühlen sich grundsätzlich gut an. Meine Augen suchen permanent nach günstigen Oberflächenstrukturen (weiße Straßenlinien fühlen sich hervorragend an). Windschattenlaufen ist dafür völlig ausgeschlossen. Häufig laufen meine Konkurrenten auf der einen Straßenseite im Gänsemarsch und ich allein auf der anderen Straßenseite. Dort befinden sich oft die angenehmeren Untergründe. Beim Laufen setze ich den Fuß weniger druckvoll auf und minimiere die Zugbewegung des Unterschenkels. Ich lehne mich nach vorne, um mich von meinem eigenen Körpergewicht ziehen zu lassen – noch mehr als sonst schon (Pose-Methode). Gleichzeitig hebe ich das Knie. Ich fühle mich großartig. Die Bewegungen sind locker und relativ entspannt. Die ersten Kilometer rollen so dahin und ich liege laut meiner Uhr gut in der Zeit. Die Kilometerschilder sind mir egal. Sie fallen mir nicht auf.

Die Rennbedingungen sind bis jetzt perfekt, um einen Marathon zu laufen. Ca. 10 Grad Celsius, Sonne, wenig Wind. Davon angelockt stehen zahlreiche Zuschauer am Straßenrand. Immer wieder höre ich das Wort barfuß. Ich küre es später zu meinem Wort des Tages. Mehrere hundertmal werde ich es an diesem Tag hören. Viele Zuschauer erkennen erst nach dem ich an ihnen vorbeigelaufen bin, dass ich keine Schuhe anhabe. Die Reaktionen reichen von Begeisterung und Bewunderung bis zu Entsetzen. Für viele Menschen bin ich sicherlich ein durchgeknallter Spinner, der unbedingt auffallen möchte und deshalb etwas „verrücktes“ macht. Ich laufe aber nicht barfuß, weil ich verrückt bin und mir deshalb etwas völlig Unmenschliches antue. Ich laufe barfuß, weil ich es kann. Ganz einfach. Auf jeden Fall ist die grundsätzliche Reaktion Überraschung. Meine Läuferkameraden reagieren ähnlich. Noch fühle ich mich großartig und bin bis jetzt sehr motiviert.

Bei km 5 biegt die Strecke auf eine schmale Landstraße. Hier ist der Untergrund an allen Stellen gleich schrecklich. Sehr grob und keine Möglichkeit auszuweichen. Ich beiße die Zähne zusammen und hoffe, dass der Untergrund bald besser wird. Meine Bewegungen sind immer noch locker und flüssig. Aktuell bin ich weit davon entfernt mich zu verausgaben. Ich besitze noch große Reserven. Das spüre ich. Mein Tempo hat sich zwischen 4:00 und 4:05 Minuten pro Kilometer eingependelt. Das sollte theoretisch ausreichen, um meine Zielzeit zu erreichen. Ich bin hoch zufrieden. Allerdings spüre ich zunehmend Druckstellen unter meinen Fußballen. Ich würde gerne auf angenehme Untergründe ausweichen. Davon ist an diesem Streckenabschnitt aber Fehlanzeige. Nach einigen Kilometern Landstraße erreichen wir wieder Vororte von Hannover. Rein muskulär gesehen fühle ich mich immer noch sehr gut. Dafür nehmen die Druckstellen aber weiter zu. Ich suche weiter nach gutem Untergrund. Immer wieder nutze ich die weißen Straßenmarkierungen. Da sie aber sehr schmal sind, fühlt sich das „Striche laufen“ auch nicht gut an. Ein Fuß muss zwangsläufig immer wieder vor den anderen kreuzen, um auf der Linie zu bleiben. Hätte ich diesen Zwang nicht, würde ich die Schritte breiter aufsetzen. Ich verstehe immer mehr, dass dieser Wettkampf nicht nur von meiner körperlichen Leistungsfähigkeit beschränkt wird. Besonders auf meine mentale Leistungsfähigkeit wird es später ankommen. Über die gesamte Distanz muss mein Kopf anwesend bleiben, um mir den bestmöglichen Weg zu leiten und den bestmöglichen Bewegungsablauf zu ermöglichen.

Während ich laufe, drehen sich meine Gedanken immer wieder um mein aktuelles Tempo, die sich daraus ergebende Zielzeit, wie sich mein Bewegungsablauf anfühlt, wie sich meine Füße anfühlen und wie ich meine Bewegungen noch optimieren kann.

Km 9 – das Leiden beginnt

Bei km 9 registriere ich dann den Worstcase. Der Kampf beginnt. Meine Füße fühlen sich so an, als hätte ich jeweils mehrere große Blasen unter den Ballen. Aus Erfahrung früherer Wettkämpfe fühlt es sich zudem so an als seien mehrere davon bereits aufgerissen. Ein Albtraum. Ich bin erst bei km 9 und muss noch 33km laufen. Meine Gedanken schweifen hin und her. Zum einen denke ich daran, wie schwierig es wird die restlichen 33km überhaupt durch zu halten (ohne auszusteigen) und mein Zeit-Ziel weit zu verfehlen. Zum anderen möchte ich aber auch nicht einfach so aufgeben und möchte zu mindest unter 3 Stunden bleiben. Aber auch das wird sehr schwer. Ich habe zwar theoretisch ein kleines Polster auf die 3 Stunden-Schwelle herausgelaufen, um mit einem langsameren Tempo den Rest zu bestreiten, aber ich darf auch nicht zu stark nachlassen. Das heißt also ich werde Schmerzen ignorieren und mich zu einem weiterhin hohen Tempo zwingen müssen. Nun habe ich mir also eine mentale Höchstleistung über 33km und mehr als 2 Stunden eingebrockt. Ich frage mich, ob es überhaupt möglich ist annähernd meine Zielzeit zu erreichen. Natürlich wäre es vernünftig auszusteigen. Ich wische diese Gedanken aber weg und befehle mir erst einmal weiterzulaufen und zu sehen, wie es ein paar Kilometer später aussieht. Schließlich bin ich extra nach Hannover angereist und habe das Wochenende geopfert.

Die Hälfte ist noch weit entfernt. Der Untergrund wird nicht besser. „Konzentriere dich!“ Sage ich mir. Meine Fußsohlen bestrafen mich sofort mit Schmerzen, sobald ich den Bewegungsablauf vernachlässige und ungünstig auftrete. Ein ruhiger Streckenabschnitt liegt zwischen km 15 und 20. Hier geht es streckenweise durch einen Park. Um meine Füße zu schonen, laufe ich deshalb kurze Strecken auf dem Grünstreifen. Bei früheren Wettkämpfen habe ich auf diese Weise meine Füße geschont und konnte dennoch sehr schnell laufen. Dieser Grünstreifen ist allerdings gespickt mit Steinen und Bucheckern. Viel angenehmer als der schlechte Asphalt fühlt sich das auch nicht an. Nach wenigen hundert Metern breche ich diesen Ansatz ab und laufe wieder auf der Straße. Wo sind nur die großartigen deutschen Straßen geblieben, wenn man sie zum barfußlaufen braucht? Der Asphalt in Hannover ist jedenfalls meistens schrecklich.

Laut meiner Uhr liege ich immer noch gut in der Zeit und werde mit diesem Tempo unter 3 Stunden bleiben. An meine muskulären Grenzen stoße ich noch lange nicht. Aber die Haut fühlt sich nicht gut an. Mein Bewegungsablauf wird immer unrunder und kraftintensiver.

Irgendwo zwischen km 10 und 15 beginnt meine Uhr immer wieder mit mir zu sprechen: „kein GPS-Signal“. Das bedeutet die Geschwindigkeit ist nicht messbar. Da die Uhr aber immer wieder ein Signal findet ignoriere ich es. Bis zum Ziel wird dieser Zustand meiner Uhr anhalten. Immer wieder Signal – kein Signal – Signal – kein Signal. Irgendwie nervend. Aber egal, weiter geht’s.

Die km rollen dahin. Bei km 18 läuft ein Läufer an mich heran, der mit einer Kochhose, Schürze und Kochmütze bekleidet ist und einen 5 Liter Kochtopf trägt. Wir laufen einige Kilometer zusammen und sind für die Zuschauer ein interessantes und zugleich merkwürdiges Paar. Einer der beiden hat sich warm angezogen und trägt einen Kochtopf – der andere hat seine Schuhe vergessen. Ein interessantes Bild. Das findet auch die Begleitung des Kochs. Sie filmt uns und postet den Clip sofort ins Internet.

Die Füße werden nicht besser. Mein Kopf ist unverändert aktiv. Daraus ergibt sich der Vorteil, dass ich nicht bemerke, wie die Kilometer fliegen. Auf den Bewegungsablauf achten, Pace kontrollieren, Kohlenhydratgel und Gelchip, trinken, Bewegungsablauf, aufgeben? Pace, Bewegungsablauf, …

Und schon bin ich bei km 30. Bisher bin ich stolz auf mich, so weit mit diesen Beschwerden durchgehalten zu haben.

Das nächste Horrorszenario

Jeder Kilometer ist ausgeschildert. Ich habe bisher nicht auf die Schilder geachtet. Nun sehe ich das Schild „32km“. Nicht weiter schlimm. Aber laut meiner Uhr bin ich bereits bei Kilometer 34. Das Problem dabei? Im Kopf hatte ich bisher den Zeitpuffer berechnet, der ja locker ausreichen würde, nämlich etwas unter 9 Minuten bis zur 3 Stunden Marke. Nun registriere ich aber, dass ich tatsächlich Zeit für die 2 weiteren Kilometer benötige, die ich ja noch gar nicht gelaufen bin. Außerdem dachte ich die letzten Kilometer mit einer Pace um die 4:10min/km (laut meiner Uhr) zu laufen. Im Nachhinein recherchiert, lief ich 4:27min/km. Das bedeutet auf 10 Kilometer hochgerechnet einen weiteren Zeitverlust von etwa 3 Minuten. Die Ursache für diesen Distanzunterschied ist der permanente GPS-Signalverlust meiner Uhr – so erkläre ich mir das später.

Den nicht vorhandenen Zeitpuffer abgezogen werde ich mich voraussichtlich gerade so im Bereich von 3 Stunden ins Ziel retten. Das setzt allerdings voraus, dass ich nicht langsamer werde. Tatsächlich verliere ich wegen des schmerzhaften Bodenkontaktes schrittweise Geschwindigkeit. Das berichtet mir auch meine Uhr. Eine genaue Vorhersage kann ich aber nicht treffen, dafür ist die Uhr zu ungenau geworden.

Schlimme Zweifel beschäftigen mich und demotivieren enorm. Ich verliere den Glauben die 3 Stunden zu knacken und fürchte mit einer Zeit von 3:00:10h ins Ziel zu kommen. Das wäre immer noch eine unglaublich starke Zeit. Aber es wäre eben ganz knapp über 3 Stunden und würde mich frustrieren. Aufgeben ist aber keine Option mehr. Immerhin bin ich ja bereits deutlich über 30km gelaufen, deutlich über 20km davon mit riesigen Blasen und einem sehr unrunden Bewegungsablauf. Also zwinge ich mich weiter zu laufen und auf den Untergrund zu achten, so wie bisher. Aber ich muss mein tatsächliches Tempo unbedingt bestimmen. Wenn ich nicht langsamer als 4:30 Minuten pro Kilometer werde, reicht die Zeit gerade so für die 42km. Meine Augen suchen von jetzt an nicht nur den besten Untergrund, sondern zusätzlich Kilometerschilder. Ich habe noch mein letztes Gel und einen Gelchip. Beides nehme ich nacheinander, damit ich auf jeden Fall genug Energie in der Muskulatur habe, um nicht wegen Kräftemangel einzubrechen.

Selbstgespräche bearbeiten meinen Kopf. Ich mache mir klar, dass meine Füße sowieso ramponiert sind und das Wochenende bereits geopfert ist. Meine Familie verzichtet ebenfalls gerade auf mich für dieses Experiment. Also sollte ich alles dafür geben, es erfolgreich zu beenden. Zumindest kann es nicht viel schlimmer kommen.

Die Selbstmotivation funktioniert. Ich ziehe das Tempo deutlich an. Ich ignoriere die schmerzenden Füße, beschleunige und überhole spielend einige Läufer, die vom Hammermann erwischt wurden. Meine Kraft ist immer noch enorm. Ich bin noch lange nicht am Ende (trotzdem spüre ich natürlich die Erschöpfung). Und so kommt meine Motivation wieder zurück.

Zwischendurch spüre ich Tropfen auf meinen Schienbeinen. Da es aber nicht regnet und kein Schweiß an mir heruntertropft, frage ich mich woher die Tropfen kommen. Ich sehe nach unten und entdecke viele Blutspritzer auf meinen Schienbeinen. Mir geht ein Licht auf. Meine Blasen sind geplatzt und haben mich selbst mit Blut bespritzt. Die kommende Woche wird sicher nicht angenehm!

Der nächste Dämpfer

Um meine Restzeit zu ermitteln, habe ich mit einer Distanz von 42km gerechnet. Plötzlich registriere ich, dass die Marathondistanz 42,195km lang ist. Ich benötige also auch noch Zeit für knapp 200m – eigentlich eine kleine Distanz. Bei einem Zielsprint könnte ich diese Strecke in etwa 35 Sekunden laufen, aber nicht so angeschlagen, wie ich aktuell bin. Ich werde also mindestens 50 zusätzliche Sekunden benötigen. Das heißt also pro Kilometer 4:25 Minuten zu rennen.

Da erscheint Kilometer 35. Ich bin gespannt und schaue auf die Uhr. 4:16 Minuten habe ich für den letzten Kilometer benötigt. Ein kleiner Triumph. Ich atme durch. Mit diesem Tempo werde ich unter den aktuell anvisierten 3 Stunden bleiben. Aber Vorsicht! Freu dich nicht zu früh. Noch sind 8 km zu laufen. Dabei kann man enorm viel Zeit verlieren, weiß ich aus eigener Erfahrung. Also: reiß dich zusammen, quäl dich und gib weiter Gas.

Ich gebe Gas und pendele mich wieder zwischen 4:16 min und 4:26min ein. Die Strecke führt durch Wohngebiete mit zum Teil kleinen Straßen, und vielen scharfen Kurven. Größere Zuschauermengen sind aktuell auch Seltenheit. Ich möchte so gern langsamer laufen und würde gern die letzten Kilometer traben. Dann reicht aber die Zeit nicht und ich werde frustriert sein. Weg mit diesen Gedanken! Weiterlaufen!

Kilometer 42: Ich bin nicht langsamer geworden. Meine aktuelle Zeit beträgt 2:49:21h. Ich fühle mich nicht danach auf den letzten 2 Kilometern noch dramatisch einzubrechen. Die alternative Marathonvorbereitung von Peter funktioniert ganz offensichtlich. Das überrascht mich aber nicht. Jetzt endlich verstehe ich, dass ich meine Zeit halte. Ich könnte heulen vor Glück. Nach diesem Wechselbad der Gefühle und dem langen Kampf gegen meinen Schweinehund muss ich mich tatsächlich zusammenreißen. Die Gefühle überwältigen mich gerade.

Der letzte Kilometer. Meine Zeit liegt noch bei 4:26min/km. Mir fällt eine große Last von den Schultern. Es reicht! So kurz vor dem Ziel stehen viele Zuschauer. Ich biege auf die Zielgerade ab und sehe das Zieltor. Ein Blick auf die Uhr lässt mich feststellen: Minimalziel erreicht. Ich nehme das Tempo raus und trabe relativ entspannt, aber unrund ins Ziel.

Ziel erreicht

Ich habe es geschafft. Ich habe den Marathon barfuß bewältigt, habe mein Minimalziel mit 2:59:26h erfüllt und bin überglücklich diesen Kampf jetzt endlich erfolgreich beendet zu haben.

Wie bei einer Laufveranstaltung üblich unterhalten sich im Ziel die Läufer über Strecke, Anstrengung, Ziele, etc. An diesem Tag führe ich nette Gespräche über das Barfußlaufen. Auch eine Kamerafrau des NDR findet mein Äußeres wohl interessant und richtet die Kamera minutenlang auf meine Füße (von Bekannten erfuhr ich später, dass sie mich live im NDR sahen).

Wie im Vorfeld mit Peter abgesprochen, nehme ich mir jetzt sehr viel Zeit, um meinen Erfolg zu genießen und wieder zu Kräften zu kommen, während ich auf ihn warte.

Wie ging es mir in den nächsten Tagen?

In den kommenden Tagen ging es mir erheblich besser als erwartet. Am Großteil meiner Zehen waren große Blasen, teilweise aufgeplatzt. Hinzu kommen einige Blasen unter den Ballen, davon ebenfalls einige aufgeplatzt, sowie einige Druckstellen. Ich rechnete deshalb mit starken Schmerzen auf der Heimfahrt und in den nächsten Tagen. Tatsächlich spürte ich natürlich die beschädigten Stellen auf der Fahrt, hatte aber überaschenderweise keine Schmerzen. Auch in den nächsten beiden Tagen verspürte ich keine Schmerzen. Beim Gehen bewegte ich mich natürlich vorsichtig und setzte die Füße überlegt auf. Bereits am 3. Tag nach dem Rennen, empfand ich keine Einschränkungen mehr und konnte gehen ohne darüber nachzudenken, wie ich mich bewege.

Empfehle ich einen Marathon möglichst schnell barfuß zu laufen?

Diese Frage beantworte ich definitiv mit Nein. Das schnelle Laufen erzeugt so viel Reibung, dass ein Hautschaden vorprogrammiert ist. Das wusste ich auch vorher, habe das Risiko aber in Kauf genommen, um mir und anderen zu demonstrieren, dass es grundsätzlich möglich ist schnell barfuß zu laufen. Sich die Haut abzureißen ist aber nicht sinnvoll. Das Gefühl ist alles andere als angenehm.

Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Haut bei einem deutlich langsameren Tempo keinen Schaden nehmen wird. Vom Barfußlaufen bin ich natürlich überzeugt. Insofern spreche ich nicht grundsätzlich gegen das Barfußlaufen. Dieses Thema muss aber differenziert betrachtet werden und das würde hier den Rahmen sprengen. Hierzu werde ich in weiteren Artikeln Stellung nehmen.

Für mich kann ich jedenfalls behaupten enorm stolz zu sein, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich habe mich mal wieder selbst überzeugt, dass gesellschaftliche Dogmen keine unüberschreitbaren Grenzen sind. Hinterfrage alles und du wirst sehen, dass du noch so viel mehr kannst.

7 Comments on “Marathon barfuß laufen? Unter 3 Stunden? – der Rennbericht zum Versuch

    • Hallo Peter,
      Vielen Dank für die Rückmeldung. Du hast ja auch einen enormen Anteil an der Umsetzung des Vorhabens. Insofern vielen Dank für die Trainingsplanung.
      Viele Grüße Andreas

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      • Hallo, habe am Sonnntag meinen ersten Halbmarathon nachts barfuss gelaufen in München. Heute ist Montag und die (noch) gefüllten Blasen unter den Ballen sind Hölle. Ich bewundere dich für deinen Marathon barfuss toll. Ich werde es bei meinem Experiment bei einem HM belassen. Wie hast du deine Sohlen im Anschluss gepflegt?

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      • Hallo Lars,
        Stark. Ich gratuliere dir zu der Leistung. Und gleichzeitig fühle ich mit dir. Nach meinem Marathon waren die Blasen zwar enorm groß, haben mir aber tatsächlich weniger Probleme bereitet als befürchtet. Am nächsten Tag konnte ich schon wieder recht gehen und nach ein paar Tagen haben sie meinen Alltag nicht mehr eingeschränkt. Direkt nach dem Lauf habe ich sie ausgestochen und mit Jodsalbe (Betaisadona) behandelt. Oder desinfiziert. Im Vorfeld des Marathon habe ich einige kürzere Läufe gemacht. Der Adventslauf um den Ratzeburger See (26km) hat mich im Nachhinein länger gequält. Ich glaube von den Blasen hatte ich etwa 2 Wochen noch etwas.
        Der Marathon war in der schnellen Form für mich aber auch ein Experiment.
        Also nicht verzagen! Die Schmerzen gehen vorbei. Zum Laufen sind Barfussschuhe ja eine sinnvolle Variante. Damit hast du einen dünnen Hautschutz und hast trotzdem Kontakt zum Untergrund.
        Viele Grüße und gute Erholung

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  1. Pingback: Alternative Marathonvorbereitung – der zweite Anlauf | LaufenundFitness

  2. Wow, ich bin beeindruckt!
    Lieber Andreas, danke für den Bericht – er geht schon beim lesen unter die Haut.
    Da ich mich für einen Lauf von 5km angemeldet habe (für dich ein Warm Up)
    wollte ich sehen, ob es sich auch schon andere „Barfüsser“ angetan haben.
    Nun, nach deinem Erfahrungsbericht, bin ich ganz froh, nur eine kurze Distanz gewählt zu haben 🙂
    Herzliche Gratulation und danke dass du uns daran teilhaben lässt.
    Liebe Grüsse, Matt

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    • Hallo Matt,
      Vielen Dank für dein tolles Feedback. Ich freue mich, dass dir der Bericht gefällt. Tatsächlich gibt es einige Läufer die barfuss Marathons oder andere Läufe gelaufen sind. Aber man muss sie natürlich suchen. Es sind sehr wenige.
      Mit kurzen Distanzen zu starten ist natürlich sehr vernünftig. Das habe ich auch so gemacht. Erst in Barfussschuhen kurze und dann immer längere Distanzen und schließlich komplett barfuss. Das hat sich aber bestimmt über 2 Jahre hingezogen.
      Ich bin übrigens überzeugt davon, dass die Haut gar nicht so extrem leiden muss, wie es bei mir der Fall war. Nur: je schneller das Tempo, umso größer ist die Reibung und desto mehr leidet die Haut.
      Wenn du also die Distanz nur durchkommen möchtest, sollte das auf jeden Fall funktionieren. Wann und wo möchtest du denn starten? LG Andreas

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